Serenade of light – Oder: Warum der Antelope Canyon Millionen Menschen fasziniert

Kurz vor dem Aufstehen war mir klar, heue verzichte ich mal auf das Frühstück. Bewaffnet mit warmer Kleidung, Stativ, zwei Kameras, 5 Objektiven, Filtern, Kabeln und anderen Dingen die zu brauchen ich glaubte ging es los in Richtung Lower Antelope Canyon. Mein Wanderer-Navi ist mit echt tollem Kartenmaterial bestückt, leider sind die Karten nicht routingfähig, eine richtige Navigation ist mit diesen Karten also nicht möglich, jedenfalls nicht so wie man es sich als Autofahrer wünschen würde. Das wurde mir heute Morgen wieder einmal klar. Statt freundlicher Pfeile die dem leicht desorientierten SUV-Fahrer den Weg weisen, gibt es eine pinkfarbene Luftline – begrenzt hilfreich… Bei Google Earth hatte ich mir zuvor angeschaut wo es lang geht – das hilft.

Nach ein paar Autominuten war ich dann tatsächlich am sagenumwobenen Lower Antelope Canyon. In der Wikipedia hatte ich etwas gelesen und mir war klar, dass man schon wissen muss wo der Canyon ist, weil man ihn sonst nicht findet. Dass dieser Canyon von der Straße praktisch unsichtbar ist stand dort aber nicht. Heute habe ich sehr anschaulich gelernt, dass sich viele Schönheiten Arizonas in den viele Millionen Jahre alten Felsen verstecken.

Die Konversation mit dem echt freundlichen Indianer bei der kleinen Holzhütte neben den fröhlich bunten Chemietoiletten war wieder herzerfrischend. Ich habe vielleicht 50% von dem verstanden was er mir gesagt hat. Sicher hat er mir gesagt wie lang ich bleiben kann und was es kostet. Als ich dann fragte “How much is ist?” hat er mich echt verwundert angeschaut. Man sollte nicht so tun als würde man die Menschen verstehen, das bewahrt den Reisenden vielleicht vor manch einem Missverständnis. Sicher lässt sich diese annähernd bahnbrechende Erkenntnis auch auf das Zusammenleben von Mann und Frau übertragen. Statt eines leicht angenervten “Ja Ja” sollte Mann vielleicht gelegentlich lieber fragen was Frau den damit meint?

Wie dem auch sei, letztlich habe ich 26$ Eintritt gezahlt und ausgehandelt, dass ich bis “Ladenschluss” bleiben darf. Zu diesem Zeitpunkt, es war etwa 10h, war ich der EINZIGE Besucher!

Der nette Indianer hat mir dann höchst persönlich den Weg gezeigt und mir eine Menge über den Wechsel der Jahreszeiten und den Lauf der Sonne, wann man wo im Canyon die besten Fotos macht usw. erzählt, denke ich jedenfalls…

Nach ungefähr 100 Metern dann ein schmaler Schlitz im Fels. Da passt mein dicker Hintern – äh Fotorucksack – niemals rein denke ich mir und tatsächlich, es passt nicht… Warum kann man sich hier anschauen:

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Durch den schmalen Spalt rechts im Bild muss man sich zwängen um einen der perfektesten Slot Canyons durchwandern zu können, wow!

Im Canyon ist es mindestens so kalt wie im Weinkeller vor Kloster Eberbach, nur schöner. Gut, dass ich eine warme Jacke dabei habe. Was man von Müttern nicht alles lernen kann…

Knipsend und staunend wandere ich fast fünf Stunden lang zwischen den atemberaubend geformten Felswänden hin und her. Kurz vor dem Ende des Canyons gibt es etwas was man als einen großen Raum bezeichnen könnte. Dieser weckt meinen Pioniergeist. messerscharf kalkuliert muss ich zwei Stunden warten bis sich ein göttlicher Lichtstrahl durch Felsspalten hinweg seinen Weg bis zum Boden bahnen wird. Also warte ich, wie sich das gehört, schließlich will ich ja mit DIESEM FOTO auf die Titelseite der nächsten GEO. Während ich da also stehe und mir langsam aber sicher kalt wird geht die Zeit nur langsam voran. Vom gottgleichen Lichtstrahl keine Spur. Statt dessen kommen nach und nach ein paar ältere Damen, Herren, Asiaten, native Americans usw. Alle entgegnen mir ein fröhliches “HI” und ich fühle mich an das “Hola” auf Teneriffa erinnert.

Die Zeit vergeht gaaaaannnnz l  a n g s     a            m….

Ich klettere immer mal wieder die Leiter des Ausstiegs hoch um zu schauen wo die Sonne bleibt. Nichts scheint sich zu bewegen, warten, warten, warten. Mit Frauen und/oder Kindern ginge das nicht denke ich mir, denen wäre langeilig (ist mir auch) sie müssten Pipi (muss ich auch) sie hätten Hunger (hab ich auch) sie hätten Durst (hab ich auch) aber ich sage es nicht – wem denn auch – ich bin ja ganz allein dort unten. Trotzdem cool!

So um 13h glaube ich eine Gitarre zu hören – Hä? Schnell verlasse ich den warmen Platz in der Sonne am Ausstieg und “sichere meine Kameras” da kommt mir schon der freundliche Indianer entgegen. Gitarre spielend schwingt er sich gewandt die letzte Leiter hinab, freihändig während der einige Barre-Akkorde greift und zielsicher die Saiten zupft. Wow! Im Gefolge hat der die beiden letzten Gäste des Tages. Außerdem wollte er wohl mal schauen wo ich denn bleibe. “We close at three o’clock!" glaube ich zu verstehen. Ich versuche zu erklären, dass ich noch auf den göttlichen Moment warte. Er legt kurz die Gitarre beiseite und zeigt mir die Beams und erklärt wie sie wandern werden. Der Beam auf den ich warte wird wenn überhaupt um 15h den Boden vor meinem Weitwinkelobjektiv berühren – schade eigentlich. “Can I stay a little longer?” Er gibt mir in unnachahmlichem Englisch zu verstehen, dass ich um drei raus sein sollte, falls nicht noch jemand kommt und es kommen heute nicht viele Besucher. Ich habe den Tag über etwa 20 Besucher gezählt. Im Sommer kommen ca. 20 Besucher —- alle 5 Minuten!

Gegen 15h30 ist mein Beam immer noch nicht dort wo ich ihn haben will. Leicht enttäuscht nehme ich nicht den Ausstieg sondern wandere zurück zum Einstieg. Alle paar Meter halte ich staunend an, jetzt sieht alles anders aus als am Morgen! Etwa 100 Bilder später bin ich dann wieder draußen. Was für ein Canyon!

Auf dem Heimweg mache ich kurz Station beim Safeways. Dort gibt es die unvergleichlichen “Eating Right”-Produkte für die Mikrowelle – mit LOW FAT. Eine mexikanischer Chicken Enchilada mit Reis hat es mir angetan. Im Hotel fummle ich den Stecker der Mikrowelle in die ausgeleierte Steckdose hinter dem ungenutzten Fernseher. Das Kabel für mein Notebook muss weichen. Nach langen Augenblicken des männlichen Unverständnisses beginnt sich die leckere Mahlzeit in der Mikrowelle zu drehen, vier Minuten lang. Langsam fühle ich mich ein wenig wie ein echter Amerikaner, nur habe nur keine Stiefel an. Aus den vielen Filmen kenne ich frustrierte Cops die sich abends in ihrer gammeligen Wohnung wiederwillig ein Fertiggericht in die Mikrowelle schieben. Ja, ich bin angekommen, GOD BLESS AMERICA!

Und ich muss sagen, es schmeckt gar nicht schlecht. Erinnert mich irgendwie an das Essen aus einer der vielen Studentenkneipen in Mainz. In mir keimt der Verdacht auf, dass in den Küchen dieser Etablissements eine oder mehrere Mikrowellen zum Einsatz kommen. Egal, dazu gibt es Bier, heimliches Bier. Denn unheimlich ist nicht in den USA! In diesem Augenblick erschließt sich mir der Ursprung der Bezeichnung “Anonyme Alkoholiker” – klar kennt sie keiner – sie trinken ja auch alle heimlich daheim 🙂

Nach einem Tag ohne Trinken, Essen, Süßigkeiten, Kaffee, Toilette tut das Bier seine Wirkung und ich schlafe zufrieden ein, während das Notebook fast 16 GB Bildmaterial aufzusaugen versucht, wie einfach ist doch das Belichten von Filmen…

Stunden später schrecke ich hoch “Virusdatenbank wurde aktualisiert!” – es ist fast 21h – Zeit für einen neuen Eintrag in meinem Urlaubstagebuch…

Einige Bilder des Tages gibt es hier.

2 Kommentare zu “Serenade of light – Oder: Warum der Antelope Canyon Millionen Menschen fasziniert

  1. Gabi

    Hallo Ansgar!Schön, dass Du gut über dem großen Teich angekommen bist. Mir gefällt Deine herzerfrischende Art, wie Du schreibst. Ich verfolge Deine Berichte so ziemlich von Anfang an mit und bin immer schon ganz neugierig auf neue Einträge.Jetzt hast Du ja schon ein paar Highlights gesehen und so manche Eigenheit von Amiland kennengelernt. Aber ich glaube, man gewöhnt sich schnell an die Gepflogenheiten und kommt bald drauf, dass es kaum wo anders so einfach ist, zu reisen, wie in den USA (ist halt meine Meinung). Dass man hierher nicht unbedingt wegen der kulinarischen Genüsse reist, dürfte ja allgemein bekannt sein, aber dafür ist es auch fast unmöglich, da zu verhungern oder zu verdursten – außer man hockt stundenlang alleine in einem Canyon und wartet auf den "göttlichen Strahl".So, nun schau ich mir Deine Bilder auch in der fc an und bin schon neugierig, was Du heute anstellen wirst.lg Gabi

  2. Wolfgang

    Gut, dass Du wieder heraus gefunden hast.Zum Montag: um 9 Uhr Utah Time werden in Kanab die Permits für Dienstag verlost. Bitte, fahre rechtzeitig hin und trage 2 Personen ein!!! Ich bemühe mich, ebenfalls um 9 Uhr dort zu sein – aber bei der Entfernung von Las Vegas kann immer mal eine Verzögerung eintreten. Bitte, schalte dann Dein Handy ein – ich versuche, Dich zu erreichen! Wenn Du kein Permit bekommst, sagst Du dem Ranger, dass Du am Dienstag wiederkommst – er soll Dein Formular vom Montag aufheben. Damit kommen am Dienstag 2 Lose für Dich in die Trommel! Zum Frühstück: im Safeway Kuchen oder so kaufen und am Starbucks-Stand (am Eingang von Safeway) den Kaffee dazu holen . . . nicht dass Du verhungerst, bevor ich da bin!Gruß und schönen Mittwoch! Wolfgang

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