Come to Marlboro Country- Oder: Warum der wilde Westen lebt

Derzeit werde ich immer so um 7h von ganz allein wach. Sehr praktisch ist, dass dann kein Wettlauf gegen die Zeit startet und ich nicht das Grinsen der Kollegen über mich ergehen lassen muss, die wieder seit 11 Minuten beim Frühstück auf mich warten. Cool ist, dass ich zum Frühstück essen kann was ich will, ohne dass es Schelte gibt – von wegen ungesund und so.

Heute gab es ein leckeres Fertiggericht aus der Mikrowelle und ein Bier! Ein richtig tolles Männerfrühstück also! Mit diesem Frühstück – eigentlich hätten es Bohnen Speck und Kaffee sein müssen – habe ich mich auf die Fahrt zum Monument Valley eingestimmt. Doch vor den Spaß haben die Götter den Fotorucksack gestellt und der will gepackt werden. Dass man als total übermotivierter Amateur da schon mal etwas übertreibt gehört wohl dazu…

DSCN1285 das ginge auch so  _DSC7217

Die Fahrt von Page zum Monument Valley ist relativ lang und dauert fast drei Stunden. Die Route habe ich mal hier markiert.

Zwischendurch wechselt die Landschaft in sehr feinen aber doch spürbaren Abstufungen. Erst ist man so richtig in der Wüste, dann kreuzt man einen Canyon und danach sind dann links und rechts des Weges jede Menge Bäume. Größere Ortschaften gibt es auf der lange Strecke keine. Nur hier und da mal eine Hütte im Stile der Navajo Indianer. Gebaut aus Lehm und die Türe gen Osten geneigt. Auf halber Strecke habe ich heute meinen ersten amerikanischen Bahnübergang gekreuzt. Auf dem Rückweg kam mir eben ein Güterzug entgegen. Das hat schon was, vier erwachsene Loks hintereinander und dann eine schier endlos lang erscheinende Schlange vollkommen identischer Waggons. In Amerika ist eben alles ein wenig anders. Auch der Abendhimmel war heute sowas von spektakulär, sicher war auch er breiter, höher und roter als bei uns daheim!

Wie dem auch sei, so um ca. 12h war ich dann am Eingang zum Monument Valley. Früher habe ich immer gedacht es würde eine geteerte Straße hindurch führen, das Ding wäre 500 Kilometer lang und man könnte tagelang mit der Harley hindurch knattern. Inzwischen bin ich desillusioniert was dieses Männervergnügen anbetrifft. Das ganze ist wie fast alles hier auch Indianerland. Man zahlt 5$ Eintritt und kann dann mit dem eigenen Auto eine “Self Guided Tour” unternehmen. Die beginnt auf halbem Wege zwischen dem Visitors Center, das oben am Berg gerade renoviert wird und dem Schalterhäuschen unten an der Straße. Nach 100m ein Schild auf dem in großen weißen Lettern steht: STOP

Daneben ein Truck aus dem zügig ein Indianer klettert und mir zwei abgegriffene Farbkopien in zerknitterten Plastikhüllen hinhält. Er erzählt was von geführten Touren oder so, ich verstehe nur wenig, wahrscheinlich hat auch er eine dieser Kartoffeln im Mund. Ich nicke also brav und frage am Ende seiner langen Sprechpause ob ich denn nun starten darf. Er nickt. “I don’t have to pay any extra charge?” “Well you might give me one hundred dollars, but you can also get into you car and start the tour. hihihi…”
(Versuch einer sinngemäßen Rekonstruktion)
 

Ich fahre also los, direkt hinter der ersten Ecke sehe ich dann die drei bekannten und millionenfach fotografierten Buttes. Ganz stark vereinfacht könnte man sagen, dass das ungefähr so aussieht:  X x X …ein Foto will ich Euch an dieser Stelle ersparen!

Während ich also meine abgegriffenen Fotos mache, schön brav in Pixeln und parallel in Filmkörnern hält neben mir ein roter Mietwagen. Es steigt ein echter Typ aus. Lange Haare, Bart, Cowboyhut, T-Shirt… “Well, this must be an american guy!” “Hi, are you a professional photographer? Can you please take a picture of me in front of these rocks?” “Yes I can!” Der Typ ist nett und sein Englisch klingt fast so amerikanisch wie das Meinige. Wir verabschieden uns nach ein paar Sätzen und weiter geht es. Einer der nächsten Punkte ist der John Ford Point. Der Lieblingspunkt des Hollywood Regisseurs der hier manch Klischee behaftetes Westernepos abgedreht hat. Während ich damit beschäftigt bin alles und jeden abzuknipsen, mal mit dem Objektiv mal mit dem, mal digital, mal auf Velvia 100 kommt der rote Mietwagen wieder angefahren. Ich stehe gerade auf der Klippe und will den letzten Klassiker an diesem Beauty Point auf den Chip bannen, da kommt der lustige Cowboy wieder anmarschiert. “Well…” wir plaudern und genießen die Landschaft. Es ist windig wie die Hölle, überall ist roter Staub in der Luft, er trägt eine warme Winterjacke, ich ein Trekkinghemd! Während ich langsam einfriere kommt ein netter alter Indianer auf einem Pferd auf die Felsklippe geritten. “Wie witzig ist denn das denke ich mir.” Der vermeintliche Cowboy fängt gleich an zu knipsen und ich gehe schon mal zum Auto, mich ein wenig aufwärmen.

Während ich einsteige sehe ich am Souvenirladen eine Pappe mit den Worten “Warm inside” – die wissen schon warum! Aus dem Handgelenk mache ich dann doch noch schnell ein Bild des lustigen Mannes der mit seinem Hottemaxe da auf der Klippe steht und dann geht es weiter zum nächsten Punkt der Self Guided Tour.

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Eine Stunde später hat mich der rote Wagen wieder eingeholt und wir quatschen wieder. Er ist gar kein Cowboy sondern ein lettischer Koch (sorry Restaurant-Manager) aus Irland der seinen Sohn in San Francisco besucht hat. Lustige Leute gibt es. “Well, where are you from?” “I’m from germany!” “Hey man, you’re from germany, cool – I love germany – look at my T-shirt – it’s from the “Eagles Nest” in Bavaria, you call it the Kehlsteinhaus! Määäähn!!” Yo, der Typ ist cool! Er reist seit seinem 15 Lebensjahr durch die Welt. Als “Restaurant-Manager” ist sein Job in Irland fest an das Auf- und Ab des Saisonbetriebes gebunden. Wenn da nix läuft macht er sich auf den Weg. Das nächste Projekt ist die Überführung eines Autos von England nach Gambia südlich des Senegals in Westafrika. Wow!

Er ist schon lange unterwegs und ist mindestens so allein wie ich. Das spürt man, erzählt von seinem Opa der ein KZ überlebt hat, von seinen Forschungen über den zweiten Weltkrieg, seiner Zeit mit einem Moslem in einer Wohngemeinsaft und von den Neonazis die ihm total auf den S… gehen. Dann geht es weiter über Stalin, Lenin und Hitler bis hin zu den Weltreligionen und den Weltanschauung der Dominikaner Mönche. Was für ein Typ. Dann ein Satz der mir gut gefällt: “Stalin, Hitler, Lenin, they all hatet religion, cause religion means love and peace!” – das geht stundenlang so weiter bis er irgendwann sagt – “Watch out, the sun is going down!” – Ich bin erlöst und schieße endlich meine Fotos. Wieder im Auto sehe ich nach 100 Metern einen “Scenic Turnoff” – ich denke nicht lang nach und biege rechts ab. Nach 100 Metern ein großer Wendehammer und wieder die üblichen Verkaufstände für sicherlich hochwertigen handgefertigten Indianerschmuck. Daneben der obligatorische Truck und ein Indianer, der schweigend nickt während er den Worten eines Lettisch-Irischen-Restaurant-Managers lauscht…

Ich gebe Gas und fahre weiter. Ein paar hundert Fotos folgen, wer soll sich den ganzen Krempel bloß jemals anschauen…

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Fast am Ausgang habe ich Wolfgangs Worte im Ohr “Da ist es abends am schönsten!” Recht hat er aber ich habe keinen Bock mehr und will einfach nach “Hause”, ein wenig “Eating Right” machen und ein Bierchen trinken. Ein Referat über die Biersorten dieser Welt habe ich ja heute schon genossen, ratet mal von wem…

Auf dem Rückweg färbt sich der Himmel grandios! Leider kann man die Buttes im Monument Valley sowieso nicht vor dieser Kulisse fotografieren weil man sie dazu spät abends aus östlicher Richtung vor die Linse nehmen müsste. Das geht aber sowieso nicht, weil man dazu tief drinnen im Park sein müsste, der aber schon um 18h dich macht. Es ist alles nicht so einfach im Leben! Vielleicht könnte man ja tatsächlich länger bleiben, aber dann sollte man vielleicht auch erst am Abend anreisen. Genau das habe ich mir für die nächsten 4 Wochen vorgenommen.

Nun ist er doch noch an der Reihe – Der Klassiker der Klassiker 🙂

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Eine Diashow zum heutigen Tage habe ich auch zusammengestellt.

Ein kleines Video gibt es auch noch…

 

Hier ist noch ein nettes Luftbild vom Rodeway Inn. Ich bin gerade da wo ich es rot ein gekringelt habe.

RodewayInn

Ein Kommentar zu “Come to Marlboro Country- Oder: Warum der wilde Westen lebt

  1. Gabi

    Hallo,falls Du nochmals zum Monument Valley fährst und Du noch Zeit übrig und Lust und Laune hast, dann könntest Du ja noch einen Abstecher ins Valley of the Gods machen. Es befindet sich nach Mexican Hat in nördlicher Richtung. Man kann von der 261er reinfahren und kommt bei der 163er raus, oder umgekehrt. Sind dort kaum Leute unterwegs und uns hat es sehr gut gefallen. Hier unter anderem eine Beschreibung au dem Amerika Forum: http://www.westernladys-world.net/infos/muleypoint.phpAber vielleicht kennst Du oder Wolfgang das ohnehin.Liebe GrüßeGabi

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