Die große Osterrunde im Detail

Während der Wochen in den USA habe ich immer wieder sehnsüchtig den relaxten Bikern auf ihren dicken Harleys hinterher geschaut. Nun ist es soweit, die große Osterrunde kann beginnen!

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Es ist Karfreitag, wir schlafen aus und versuchen unsere schlaffen Körper mit einem großen starken Kaffee in den „Fahrmodus“ zu versetzen. Es klappt und  um kurz nach 9h sind wir abfahrbereit. Die Mopeds sind ein wenig staubig, sie haben mehrere Monate einsam im dunklen Keller gestanden. Eine Woche zuvor haben wir gemeinsam mit meinem Sohnemann eine kleine erste Frühlingsrunde gedreht. Das war alles noch ganz entspannt, heute wird es dann ernst. Wir wollen nach Luxembourg, dort übernachten und dann weiter in den Süden solange der Hintern es aushält. Irgendwo bei Strasbourg wollen wir eine zweite Nacht verbringen und dann auf verschlungenen Pfaden heim nach Bonn fahren. Drei Tage sollen es werden, drei Tage Bikerspaß bis der Arzt kommt. Mal sehen was draus wird…

Es geht auf der B9 am Rhein entlang. Das Thermometer steht bei etwa 17°C. Die ungefütterte Lederkombi gibt die Temperaturen ziemlich ungefiltert nach innen weiter. Es ist nicht gerade warm, aber das soll sich noch ändern! Kurz hinter Remagen geht es nach Westen in Richtung Altenar. Auf Höhe der Römer-Villa bei Ahrweiler schließen wir uns unfreiwillig einer Truppe von etwa 20 Moptorradfahrern an. Die Truppe ist so groß, sie würden gar nicht bemerken wenn sie ihr Schlusslicht verlören. Das würde mir keinen Spaß machen. Wir schlängeln uns im Schneckentempo an der Ahr entlang. Das Wetter ist toll, die Strecke großartig aber die Karawane macht mir keinen Spaß. An einem der vielen Lokale kommt dann alles endgültig ins Stocken. Als wir die Anführer der Karawane sehen können wird mir vieles klarer, es sind zwei echte dicke behäbige Typen die jeweils ein Gespann lenken. Echte Anführer 🙂

Als wir sie passieren sind wir froh, dass es endlich zügig weiter geht.  Am Café Fahrtwind machen wir unsere erste Pause. Wir haben richtigen Kohldampf und freuen uns auf ein leckeres Frühstück. Als dann die Qual der Wahl ansteht entscheide ich mich spontan für ein Stück Apfelkuchen. Es ist kurz nach 11h – eine gute Zeit für ein Stück Kuchen 🙂 Sandra möchte ein belegtes Brötchen. Der Chef verkauft mir für 1,70€ eine „Schmier-Genehmigung“. Das ist ein Teller mit einem kleinen Kassenzettel. Ich gebe ihn Sandra und sie hat damit die Genehmigung sich ein Brötchen zu „schmieren“. Zunächst ist sie noch verwundert, aber später kommt sie mir einem breiten Grinsen und einem Teller voller Käse und anderen guten Zutaten zurück. Ihre erste „Schmier-Genehmigung“ war überaus positiv!

Eine halbe Stunde später geht es weiter. Ich gebe meinem TomTom Urba-Rider als Ziel „Trier“ an, als Routenführungsoption wähle ich „Kurvenreiche Strecke“. Wir lassen uns mal überraschen. Und das was dann passiert ist eine wirkliche Überraschung, den die Wege die das TomTom vorschlägt sind wirklich schön. Es geht über verwunschene einsame Landstraßen, durch Wälder und Täler, es ist einfach wunderschön.

Als wir in Trier ankommen ist es früher Nachmittag. Der Hintern gebinnt langsam weh zu tun und wir sind froh, als wir an der großen Basilika einen netten Italiener finden bei dem wir unter einem Sonnenschirm ein paar leckere Nudeln essen können. Das tut wirklich gut und als wir auf der anschließenden kleinen Stadtbesichtigung noch eine Eisdiele finden ist der Tag schon fast perfekt. Nach dem Eis geht es zurück zu den Mopeds. Ich gebe als nächstes Ziel Luxembourg ein, diesmal die „Schnellste Route“. Wir fahren los und nach den ersten Kurven haben wir uns auch schon irgendwie mitten in Trier verhaspelt. Ich wünsche mir eine nach Norden ausgerichtete Ansicht der Karte im TomTom. Da wüßte ich wenigstens wohin wir fahren. So habe ich nur den Kompass und der zeigt immer nach Norden. Wir wollen aber nach Süd-Westen. Wohin zeigt dann wohl die kleine Kompaß-Nadel?? Schließlich finden wir die Autobahn, alles ist wird gut – immer!

In Luxembourg ist dann die Hölle los. Es ist 30°C heiß, mir steht das Wasser in den Stiefeln. Wir halten kurz an um ein etwas besseres Ziel als „Stadtmitte“ in das TomTom eintippen zu können. Ich schaue mal nach den „POIs in der Nähe“ und finde das Hotel Bristol. Das hatte ich mir vor einigen Tagen schon via HRS angeschaut. Es ist relativ preiswert und machte auf den HRS-Seiten einen netten Eindruck. Es geht weiter, das TomTom lotst uns in Richtung Bahnhof. Auf der breiten mehrspurigen Straße ist die Hölle los. Busse so weit das Auge reicht, kleine Mopeds, Roller, Cabrios und ganz ganz viele „normale“ Autos. Alle schwitzen vor sich hin und sind schwer angenervt. Als wir am Hotel ankommen bin ich wirklich erleichtert. Auch Sandras Schmerzgrenze ist zu 100% erreicht. Eine Reservierung haben wir nicht und ich bin froh und dankbar, dass noch ein letztes Doppelzimmer frei ist. Es ist in der 3. Etage und kostet 75,-€ inkl. Frühstück. Als wir das Zimmer dann sehen sind wir wirklich ernüchtert. Das Bristol ist eine ziemliche Absteige. Der Blick in den Hinterhof wäre super für alle Gäste die sich mit Selbstmordgedanken tragen. Die Duschkabine ist so undicht, dass man beim Duschen das gesamte Bad flutet.

Aus dem Wasserhahn kommt nur ein schmales Rinnsal, dafür ist der Abfluß verstopft. Direkt neben der Toilette ist ein großer Halter für Toilettenpapier angeschraubt. Leider genau so, dass man nur schräg auf der Schüssel sitzen kann. Aber dafür ist er defekt und das sicherlich verzweifelte Zimmermädchen hat das Toilettenpapier oben drauf gestellt. Na ja, es ist ja nur für eine Nacht…

Wir machen uns ein wenig frisch und dann geht es in die eigentliche Innenstadt. Das ist in Luxembourg nicht ganz einfach, denn diese Stadt verteilt sich über mehrere Hügel die mit einigen wunderschönen Brücken untereinander verbunden sind. Wir landen im „Café Francais„, dort gibt es Spargel und Steaks. Das tut gut nach diesem langen anstrengenden heißen Tag. Zurück am Hotel sind wir uns unsicher wo wir die Mopeds abstellen sollen. Direkt vor einer Kneipe ist eine Parkplatz frei. Aber als Sandra ihren Helm abnimmt wird sie gleich von einem offensichtlich angetrunkenen Barbesucher angemacht. Ob dieser Platz so glücklich ist?

Wir parken die Mopeds trotzdem dort und trinken im kleinen Bistro neben dem Bristol ein recht gutes Glas Rotwein. Während wir den Tag Revue passieren lassen werden wir dann doch unruhig. Als der Wein ausgetrunken ist, parken wir die Mopeds dann doch etwa einhundert Meter weiter die Straße hinauf. Dort sind keine Geschäfte und hoffentlich auch keine betrunkenen Barbesucher die einfach mal zwei Mopeds mit deutschen Kennzeichen um schubsen…

Die Nacht ist warm und unruhig. Das Bett ist unbequem und irgendwie zu kurz. Hinten schauen meine Füße heraus und oben stoße ich ständig mit den Händen an ein Stück Holz. Sandra ist am nächsten Morgen nicht sehr glücklich wegen meiner nächtlichen „Klopferei“… Aber beim recht guten Frühstück ist das alles dann schnell wieder vergessen. Wir satteln unsere Bikes und es geht weiter in Richtung Süden. Ich gebe beim TomTom einfach mal Straßbourg ein – „Schnellste Route“. Wir wollen Luxembourg ohne Streß so schnell wie möglich verlassen. Das klappt auch ganz gut. Etwa 30 Kilometer weiter südlich sieht die Landschaft dann ganz nett aus und ich biege einfach mal von der Autobahn ab. Das TomTom schimpft und rechnet ständig neu, aber es ist mir egal. Die Sonne scheint und ich kann mich leicht an den Schatten der Bäume und Leitpfosten orientieren. Es ist etwa 10h die Sonnen kommt von rechs, also fahren wir nach Süden, das ist ganz einfach!

Es geht vorbei an saftig grüßen Wiesen und fast kitschig gelben Rapsfeldern. Am Horizont sehen wir die Kühltürme eines Atomkraftwerks. Wasserdampf steigt auf und bildet schöne Formationen am Himmel. Hier wird gerade der Strom produziert der in Deutschland nach der Abschaltung der ersten Atomkraftwerke fehlt. Fast malerisch mutet das an… Während wir eine der Starkstromtrassen kreuzen kann ich die vom Atomstrom ionisierte Luft regelrecht schmecken. Französische Kraftwerke haben keinen Atomstromfilter, das kann man hier ganz deutlich spüren. Unterhalb der Stromtrassen haben die Tachionen – die nur im Atomstrom vorkommen – die einst üppige Vegetation häßlich braun eingefärbt. Jeder Atomkraftgegner wäre entzückt angesichts der deutlich sichtbaren Beweise für das zerstörerische Werk des Atomstroms!

Wir fahren weiter und ich bin überlege welche Strahlendosis wir inmitten dieser wunderbaren Landschaft gerade abbekommen. Mir kommen Bilder von krebskranken Arbeitern aus afrikanischen Uranminen in den Sinn. Ich muss an die radioaktiv belasteten Abwässer denken die von der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague einfach in die Nordsee eingeleitet werden. Es kommt mir in den Sinn, dass ein Atomkraftwerk die Energie die in den verwendeten Brennstoffen steckt nur zu etwa 1% in elektrische Energie umwandelt. 99% sind strahlende Verluste und Abwärme über die sich der Fischbestand der angrenzenden Gewässer sicher nur im Winter freuen kann. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Autos mit sauberem Elektroantrieb deren Batterien die mit sauberem Atomstrom aufgeladen werden, ich stelle mir die stolzen umweltbewußten Besitzer vor und komme zum Schluß, dass nur Sparen eine wirkliche Alternative zum Atomstrom ist.

Mit schlechtem Gewissen schaue ich auf den Bordcomputer meiner BMW. Dort kann ich lesen, dass sie seit dem letzten Reset im Schnitt 4.9 Liter Superplus auf 100 Kilometern verbraucht hat – wieviel Kilogramm CO² das wohl sein mögen? Wir könnten auch mit einem Moped fahren, aber das fühlt sich an wie ein Ferrari mit Anhänger. Wir fahren weiter und nach etwa 100 Kilometern und endlos vielen Kurven ist das schlechte Gewissen dann auch wieder Geschichte – vorerst!

Irgendwann brauchen unsere Mopeds frischen Sprit. Das TomTom kennt eine Tankstelle in 5,5km Entfernung. Dort angekommen ist es ein komplizierter Flopp. Man kann nur mit einer Karte tanken, nur was für eine Karte?? Ich versuche es mit der Kreditkarte und der EC-Karte. Es steht nur für mich unverständliches Zeugs auf dem durchaus großen Display. Au Backe, das ist echt schwierig hier! Ich wünsche mir die Tankstellen in Arizona herbei. Einfach die Kreditkarte einstecken, rausziehen, tanken, weiterfahren… Wir steuern die nächste Tankstelle an, das TomTom ist da sehr hilfreich. Und hier gibt es tatsächlich einen echten Menschen in einem kleinen Häuschen. Wir können tanken, ich reiche 50 Euro durch einen kleinen Schlitz und bekomme etwa 8 Euro zurück. Der Sprit ist hier nicht wirklich billiger als daheim in Deutschland.

Am frühen Nachmittag erreichen wir ein wunderbares Tal. Die Straße ist großartig und die Kurven schier endlos. Das TomTom „sagt“, dass erst in 22 Kilometern der nächste Abzweig ist, das läßt mich hoffen, dass es noch lange so weiter geht. Und ich werde nicht enttäuscht! Hinter mir läßt Sandra auf der weißen K1200 verdächtig oft die „Beine baumeln“. Es sieht im Rückspiegel so aus, als bräuchte sie eine Pause. Und da ist auch schon ein Platz gefunden. Sie erzählt mir, dass sie die ganze Zeit über das Gefühl hat, als wenn wir hier schon einmal gewesen wären. Ich kann das kaum glauben, schließlich ist Frankreich wirklich groß und wir sind ziemlich „drauf los“ gefahren. Als es dann weiter geht finden wir kurz drauf eine tolle Gastwirtschaft die von Bikern aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland frequentiert wird. Es gibt leckeres Essen und ein paar „Beweisfotos“.

Als es wieder los geht habe ich ein paar Kurven später ein „Déjà-vue“. Vor zwei Jahren auf der Tour mit meinem Bruder Florian waren wir genau hier – nur sind wir aus der anderen Richtung gekommen. Ich erkenne die Stelle an der wir uns kurz vertan haben und wenden mussten. Mir kommt in den Sinn wie Sandra damals ein Problem hatte ihre schwere YZF auf der abschüssigen Straße zu wenden. Es gibt Zufälle im Leben, die sind wirklich cool!

Während der Pause habe ich dem TomTom „gesagt“, dass wir nach Offenburg wollen. Es ist halbwegs nah und wir wollen wieder nach Deutschland. Es geht vorbei an Strasbourg, wir kreuzen den Rhein und sind kurz drauf auch schon mitten in der Fußgängerzone von Offenburg. Auf der linken Seite ist das Hotel Sonne. Ich frage einfach mal und es gibt noch ein letztes Doppelzimmer. Warum bekomme ich eigentlich immer genau das letzte Zimmer? Diesmal ist es ein Zimmer mit Waschbecken. Dusche und WC sind auf dem Gang. Aber es kostet nur 63,- € – da nimmt man das schon einmal in Kauf. Und es ist ein Frühstück im Preis enthalten. Und wir können die Mopeds kostenlos in der großen Garage abstellen. Das Hotel heißt „Sonne“ und es ist wirklich schön. Das Haus blickt auf eine 650 jährige Tradition zurück. Hier haben schon Menschen gewohnt, als es in Amerika noch Büffel gab und Indianer nicht wussten, dass es weiße Männer gibt. Krass eigentlich…

Wir beziehen unser neues Zuhause und machen uns ein wenig frisch. Danach geht es gleich wieder los, wir besuchen die beste Eisdiele von Offenburg und die ist wirklich gut! Später gibt es Spargel mit Kräuterpfannkuchen, Salzkartoffeln und gekochtem Schinken. Das Leben kann so schön sein! Da alles auf der Welt einen Ausgleich braucht haben wir im Gegenzug ein knarrendes Bett. Jedesmal wenn ich mich herum drehe wird Sandra wach, was für eine Nacht…

Am Morgen ist die Pein bei einem wunderbaren Frühstück dann wenigstens für mich schnell wieder vergessen. Wir packen, verabschieden uns von der wirklich netten Wirtsfamilie und sind schon wieder unterwegs. Es geht über die Autobahn A5 nach Norden. Hier reiht sich eine Großbaustelle an die Andere, aber es ist noch wenig los und wir kommen gut voran. Bei Heidelberg dann ein kurzer Regenguss. Die warmen Tage haben viel Dunst in den Himmel transportiert. Wir fahren den Gewitterwolken davon bis uns das Hinterteil so sehr weh tut, dass wir einfach eine Pause brauchen.

Es geht weiter, unser Ziel ist das Wispertal. Im letzten Jahr hat mir Ex-Kollege Oliver dieses schöne Tal gezeigt. Leider lag damals schon viel Laub auf der Straße und es war nasskalt. Heute ist es großartig. Sandra fährt vor und se macht mir Spaß zu sehen wie sie voller Spaß die große K1200 durch die Kurven schwingt.

Nach einer kleinen Pause an der „Laukenmühle“ geht es weiter. Wir fahren auf der B42 am Rhein entlang. Das Wetter ist großartig, vergessen sind die Gewitterwolken über Heidelberg. Nicht vergessen sind aber die Schmerzen im Hinterteil. Als sie fast unerträglich werden machen wir einen Stopp an der Erpeler Ley.

Im Licht der Abendsonne laufen wir am Ostersonntag wieder daheim in Bonn ein. Als die Mopeds geparkt und abgesattelt sind liegen wir müde und verschwitzt auf dem Bett – was für eine coole Tour! Wirklich schön ist danach die lange ausgiebige heiße Dusche. Anschließend kramen wir in der DVD Sammlung und finden tatsächlich einen Klassiker den Sandra noch nicht kennt – „Pulp Fiction“ – nicht ganz passend zu Ostern aber doch ganz unterhaltsam…

Am Ostermontag sind wir dann immer noch ziemlich gezeichnet von den vielen Stunden im „Sattel“. Der Kühlschrank ist erschreckend leer und so fahren wir kurzerhand mit der blauen BMW zum Café Fahrtwind – denn dort gibt es ja die „Schmier-Genehmigung“ 🙂 Auf dem Rückweg nehmen wir einen kleinen Umweg durch die Berge und genießen noch ein wenig die Sonne in historischen Ahrweiler.

Später daheim heißt es dann aufräumen, Wäsche waschen, Wohnung putzen, Sperrmüll hinaus stellen und und und… Morgen sind wir dann schon wieder unterwegs. Sandra fährt nach Norden, ich nach Süden, bis zum nächsten Wochenende…

Alle Fotos sind übrigens mit der 99,- € Hosentaschenkamera (Nikon S3000) gemacht…

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